GENTRIFICATION - BLEIBEN WIR ALLE?
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2009-08-10 from 10:30 to 12:00 |
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Dikussion mit den SoziologInnen Andrej Holm, Berlin und Isabel Burtscher, Graz Aufnahme vom Donnerstag, 7. Mai 2009 Veranstalter: < rotor > Volksgartenstraße 6a 8020 Graz
Andrej Holm und Isabel Burtscher im Verein <rotor>
Gentrification light – Stadtteilaufwertung als diskontinuierlicher Prozess
Bericht über die Veranstaltung von Wenzel Mracek vom 25.06.09 Quelle: http://www.gat.st/pages/de/nachrichten
Vorträge der Soziologen Isabel
Burtscher und Andrej Holm zu Stadtteilerneuerungen in Graz und Berlin.
Ein dominantes Thema der Stadtsoziologie ist der Prozess der Aufwertung
innenstadtnaher Wohngebiete, die oft auch Innenstadtergänzungsgebiete genannt
werden. Der Topos „Gentrifizierung“, hervorgegangen aus Beobachtungen in den
Metropolen Nordamerikas, meinte ursprünglich die Aufwertung von bis dahin als
nicht hochwertig erachteten Quartieren, gleichwohl geprägt durch ihre Funktion
als Wohnbereich mit (Klein-) Gewerbestruktur. Der gegenwärtige Gebrauch der
Bezeichnung Gentrifizierung dagegen betrifft vor allem die Wiederaufwertung
ehemals wohlhabender Viertel, die zumeist infolge wirtschaftlicher
Neuorientierungen und damit einhergehender Stadtstrukturierung vernachlässigt
worden waren. Gentrifizierung unter diesem Aspekt kommt einem veritablen
Euphemismus gleich, der umgangssprachlich weit deutlicher mit „Yuppisierung“
gleichzusetzen ist.
Nach dem auf GAT schon zusammengefassten Vortrag des Hamburger Soziologen und
Stadtteilaktivisten Peter Birke folgten im zweiten Teil der Reihe die
Ausführungen der Grazer Soziologin Isabel Burtscher und des Berliners Andrej
Holm unter dem Titel „Bleiben wir alle?“. Veranstaltet wurden die Vorträge von
Projekt A-Z – Initiative für ein autonomes soziales Zentrum, die in den letzten
Jahren durch mehrere Hausbesetzungen in Graz nicht allein auf sich aufmerksam
gemacht hatte, und dem Kunstverein < rotor >.
Im Rahmen eines Forschungspraktikums 2008/09 am Institut für Soziologie der KF-Universität
untersuchte ein Team um Isabel Burtscher von BewohnerInnen und Geschäftsleuten
wahrgenommene Veränderungen im Grazer Mariahilferviertel, das spätestens mit
Eröffnung des Kunsthauses einen vor allem sichtbaren Wandel erfahren hat und
der sich deutlich bis in den Bereich des Lendplatzes vollzogen hat.
Hauptaugenmerk erfuhr in dieser Studie die so genannte Creative Class, also
etwa „Grafikdesigner, Architekten oder Menschen, die mit alternativen
Geschäftsideen versuchen, in diesen Stadtteilen neue Akzente zu setzen“.
Deutlich wird die Veränderung einer Bevölkerungsstruktur und die zunehmende
Aufmerksamkeit und Frequenz, die damit dem Bereich Mariahilferviertel aus dem
Umfeld zuteil wird. Auch vermehrte Medienpräsenz und Berichterstattung führen zu
einem Imagewandel respektive zum Charakter des „trendigen Viertels“. Wenn man
nun, wie Burtscher es nennt, die Akteure dieser Creative Class als
„Stadtteilpioniere“ verstehen will, stellt sich allerdings bald die Frage, wie
weit diese selbst an einer Yuppisierung beteiligt sind, wenn der Imagegewinn
durch deren Engagement auch Investoren auf den Plan ruft. Wenngleich sich
derzeit noch keine gravierenden Umschichtungen der Bevölkerung ablesen lassen –
hoher MigrantInnenanteil, vergleichsweise noch erschwingliche Mietpreise etc.,
obwohl Abwanderung von MigrantInnen im Umraum des Kunsthauses festgestellt
wurde und dort die Mietpreise nach Renovierungen gestiegen sind – zeigt sich
dagegen an Vergleichen mit anderen Städten, dass Stadtteilpioniere schließlich selbst
verdrängt werden wie ehemals ansässige Kleingewerbebetriebe und
einkommensschwache BewohnerInnen. Typisch für einsetzende Gentrifizierung,
führt Burtscher aus, sei eine wirtschaftliche Talsohle im Mariahilferviertel zu
Ende der 1970er Jahre gewesen. Leerstehende Geschäftslokale seien in den 1990er
Jahren zunehmend und aufgrund niedriger Mietpreise wieder in Betrieb genommen
worden, ein massiver Aufschwung sei ab Ende der 1990er Jahre zu verzeichnen,
massiv im Umfeld des Kunsthauses. Stadtplanerische Umgestaltung der
Mariahilferstraße in eine Fußgängerzone, die Neugestaltung von Mariahilfer- und
Lendplatz oder der Mursteg machten gesteigerte Frequenz mit Veranstaltungen wie
Jazzsommer oder Lendwirbel erst möglich. So allerdings für Stadtteilpioniere aus
der besagten Creative Class ursprünglich die Vielfalt, die Heterogenität und zu
erwartende steigende Frequenz im Mariahiferviertel Anreiz war, sich hier
anzusiedeln, so geht aus von Burtscher geführten Interviews hervor, dass sich
nach Meinung der Akteure durch zunehmende Ökonomisierung gerade ihrer
Wirtschaftsformen eine Tendenz zur Gleichförmigkeit abzeichnet. Und einige
dieser Pioniere überlegen bereits eine Standortverlegung – mehrmals wird der
Bezirk Gries genannt. Als Schluss, den Burtscher aus dieser Recherche um
engagierte Stadteilaufwertung und das folgende Abwandern ihrer Pioniere zieht,
ist ein dem Umfeld des Komplexes Gentrifizierung einzugliederndes Phänomen, das
sie „Gentrification light“ nennt.
Ein nachgerade als klassisch zu bezeichnendes Beispiel für Gentrifizierung
beschreibt Andrej Holm, Berliner Aktivist und Forscher an der
Humboldt-Universität, am Fall der Kampagne „Wir bleiben alle!“ in Prenzlauer
Berg. Den Pionier-Begriff beschreibt Holm in der Tat aus der Siedlerbewegung
der USA stammend. Im Zusammenhang mit Gentrifizierung geht mit den Pionieren
zunächst eine „symbolische“ Stadtteilaufwertung einher, die nachweislich über
mehrere Phasen das Interesse von Stadtplanern und Investoren erst weckt.
Einschneidendes und für den zentralen Berliner Stadtteil spezifisches Ereignis
war die Wiedervereinigung 1989, nach welcher der bis dahin als Randbezirk
erachtete und in seiner Bausubstanz über etwa 60 Jahre vernachlässigte
Stadtteil nun Innenstadtbereich wurde. Zu den bisherigen Bewohnern kamen neue,
angezogen von niedrigen Mietpreisen für durchwegs Substandard-Wohnungen in
zentraler Stadtlage. Infolge Renovierungsmaßnahmen wurde die größtenteils
gründerzeitliche, aber heruntergekommene Bausubstanz großräumig wieder zu „gut
bürgerlicher“ aufgewertet. Die Mietkosten wurden angehoben, Eigentumswohnungen
zum Kauf angeboten. Die logische Konsequenz – wie auch am Hamburger Stadtteil
Elbinsel schon im vorhergehenden Vortrag von Peter Birke beschrieben – war und
ist der „Wandel einer Bevölkerungsstruktur“ wie es so schön heißt, tatsächlich
die Verdrängung einkommensschwacher Schichten an die Peripherie. Dieser Wechsel
vollzog sich in Prenzlauer Berg innerhalb der letzten fünfzehn Jahre. Aus der
Sicht von Bürgerinitiativen, erzählt Holm, war dieser Prozess abzusehen. Wer
aber sollte davor gewarnt werden, wenn die Interessen der Stadtverordneten und
Investoren gerade auf dieses Ziel gerichtet waren? Versprechen einer „sozialen
und behutsamen Erneuerung“ erweisen sich aus gegenwärtiger Sicht als
Beruhigungsmaßnahmen.
Inzwischen sind in Prenzlauer Berg circa 75 Prozent der alten Bausubstanz auf
einen sehr hohen Standard gebracht. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass
eines der preiswertesten Berliner Quartiere inzwischen zu einem der teuersten
„erneuert“ wurde. Die durchschnittlichen Einkommen der Bewohner zu Beginn der
Erneuerungen lagen bei 70 Prozent des Berliner Durchschnitts, derzeit liegt das
Durchschnittseinkommen bei 130 Prozent. Nur noch 15 Prozent der zu Anfang der
1990er Jahre in Prenzlauer Berg Wohnenden leben dort immer noch. Damit kann die
so genannte „Stadtteilmobilisierung“ als gescheitert betrachtet werden.
Immerhin und resümierend beschreibt Andrej Holm Gentrifizierung als
„diskontinuierlichen Prozess“ und er führt seine von anderen Stadtsoziologen
gestützte These an, „dass letztendlich die Art der Ökonomie, also der
wohnungswirtschaftlichen Interessen, entscheidend ist, welche Phase – Pioniere
etwa – gerade für die Aufwertung eines Stadtteils maßgebend ist“.
STAD T RÄUME SOZIOLOGISCHE STUDIEN ÜBER GRAZER QUARTIERE: Gentrification light - Studie zur Mariahilferstraße
