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Christian Fleck: Die weinerliche Konstruktion der Ungleichheit in Österreich

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When 2007-12-07
from 10:30 to 12:00
Contact Name Gestaltung: Manfred Handler
Attendees Moderation: Christian Eigner, Vortrag: Christian Fleck
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last modified 2007-11-15 08:33

Die Zeiten kritikloser Wissenschaftsgläubigkeit sind ebenso vorüber wie jene radikaler Wissenschaftskritik: Wissenschaft ist Alltag geworden. Als solcher stellt sich der Wissenschaft jedoch ein vordringliches Problem: Sie will und muss von der so genannten Öffentlichkeit, für die sie Alltag ist, verstanden werden. Umgekehrt hat sie sich auch darum zu bemühen, die Öffentlichkeit und ihre Anliegen zu verstehen. Denn nur so ist eine sinnvolle Entwicklung für beide Seiten möglich.

***Ein Mitschnitt des "Bild- und Tonarchivs" aus der Reihe "Science Talk" der "Neuen Gallerie" vom 18.01.2007.
***Konzept und Moderation: Christian Eigner.
***Veranstaltungsort: Neue Galerie Gelber Salon.


Die Science Talks der Neuen Galerie wollen zu diesem wechselseitigen Verstehen beitragen: Alle zwei Monate stellen sich renommierte Wissenschafterinnen und Wissenschafter sieben Moderatoren-Fragen, die es ihnen erlauben, von ihren Forschungsergebnissen zu erzählen und sie so nachvollziehbar zu machen. Das Publikum als Repräsentanz von Öffentlichkeit hat wiederum die Möglichkeit, deren Bedenken, Kritik und Wünsche an die Forscherinnen und Forscher heranzutragen. Nur wo es ein öffentliches Reden über Ungleichheit gibt, wird diese auch zum (wahrgenommenen) sozialen Tatbestand. Allerdings kann dieses Reden die unterschiedlichsten Gesichter haben: In Österreich, so der Soziologe Christian Fleck, wird das Thema Ungleichheit ungemein weinerlich behandelt; konkret in Form eines großen Klagelieds. Letzteres dient nun allerdings nicht dazu, die Armut abzuschaffen, im Gegenteil: Die Klage hat vielmehr den Sinn, einen Hintergrund aufzuspannen, vor dem man sich als Wohlhabender durch Wort- und Geldspenden hervortun kann. Im Idealfall erweist man sich so als guter Christ – und mithin als das, was in diesem Land offensichtlich noch immer viel zählt. Selbst für all jene, die sich scheinbar schon weit vom christlichen Gedankengut entfernt haben.

Das bedeutet aber nichts anderes, als dass es eigentlich keinen "echten" Ungleichheits-Diskurs in einem sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Sinne gibt. Vielmehr wird moralisiert, was u.a. auch zur Folge hat, dass sich tendenziell immer die Falschen arm fühlen. Beispielsweise Studenten oder auch Intellektuelle, deren Verarmung jedoch bestenfalls darin besteht, dass ihnen statt einer Beamtenexistenz zunehmend eine unternehmerische zugemutet wird.

Die bisher geführte Diskussion über Ungleichheit hat aber auch noch eine andere Konsequenz: Sie führt dazu, dass die vielleicht wichtigste Frage zum Thema Ungleichheit erst gar nicht gestellt wird. Nämlich die, wieviel Ungleichheit unsere Gesellschaft braucht.

Christian Fleck,

ao.Univ.Prof., Institut für Soziologie, Universität Graz. Geb. 1954. 1987–2005 Leiter des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich (AGSÖ), Graz, 1998–2002 Secretary und 2002–06 Vice President of Research Committee 08 History of Sociology, International Sociological Association (ISA), 2004–06 Koordinator des FP6 Projekts ANOVASOFIE (Analyzing and Overcoming the Sociological Fragmentation in Europe), 2005–07 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS). Seit 1994 Herausgeber der Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten. Bücher (u.a.): Koralmpartisanen. Über abweichende Karrieren politisch motivierter Widerstandskämpfer (1986); Wege zur Soziologie nach 1945 (1996); Paul M. Neurath, Gesellschaft des Terrors (2004, Mit-Herausgeber; engl. Ausgabe: 2005); Transatlantische Bereicherungen. Zur Erfindung empirischer Sozialforschung (2007).

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