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Aus dem Archiv: "Glück und Sinnerfüllung"

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Vortrag von Iring Fetscher im Rahmen der Akademie Graz am 15.10.1986. Der Mitschnitt des Vortrags stammt vom Tonarchiv des Landesmueums Joanneum


 
Iring Fetscher

Man nennt ihn den „Grandseigneur der deutschen Politikwissenschaft“: Iring Fetscher, Frankfurter Philosoph, Marxismusexperte, Aufklärer, einst Berater Willy Brandts. Einer der gefragt wird, wenn es darum geht, politische Entwicklungen einzuschätzen und zu bewerten.

 

Ein schüchternes Kind sei er gewesen, sagt er. Sein Vater, Hochschulprofessor in Dresden, Antifaschist, wird von den Nazis aus dem Amt gejagt. Aus seinem ängstlichen Sohn hat sich ein sportbegeisterter junger Mann entwickelt und der will ausgerechnet Soldat werden.

Iring Fetscher: „ Und was ich wirklich nachträglich Mühe hatte zu verstehen, ist die vielleicht ein, zwei Jahre dauernde Begeisterung für den Offiziersberuf, verbunden mit Ehrgeiz, sogar mit Ärger darüber, dass ich kein Ritterkreuz bekommen hatte. Jedenfalls in einer meiner Aufzeichnungen habe ich mal festgestellt, dass ich einmal eine Rede halten musste am Grab eines gefallenen Soldaten und mich hinterher geschämt habe, dass ich gelogen habe, gelogen habe, dass der Krieg einen Sinn hat.“
 

Dresden in den letzten Tagen des Krieges: Die Fetschers warten sehnlichst auf dessen Ende. Doch dann geschieht etwas, das das spätere Leben Iring Fetschers entscheidend prägen wird. - Sein Vater will weiteres Blutvergießen verhindern.

Iring Fetscher: „Am Tag als der Krieg zu Ende war, kamen dann verschiedene Kollegen und Freunde zu ihm und hatten die Absicht, gemeinsam Kontakt mit den sowjetischen Besatzungsbehörden aufzunehmen. Auf dem Weg zu diesen Besatzungsbehörden ist mein Vater dann als einziger von diesen vier, fünf erschossen worden.“

Eine versprengte SS-Streife erschoss an diesem ersten Tag des Friedens den Vater. Aber das Ende des Krieges bedeutete auch das Ende all dessen, was bisher gegolten hatte. Der junge Iring Fetscher fand Halt im katholischen Glauben und suchte Rat in der Philosophie.

Iring Fetscher: „Eigentlich war die Idee, die Philosophie wird mir helfen zu verstehen, wie konnte das passieren, was ist mit mir passiert und mit den Deutschen insgesamt. Mit dem Volk der Dichter und Denker. Wie konnte das zu einem Volk der Richter und Henker werden?“

Der Student Iring Fetscher beschäftigt sich mit dem Kommunismus und den Lehren von Karl Marx. Er hofft, dort eine Erklärung für den Nationalsozialismus zu finden. Doch seine Erfahrungen mit dem Realsozialismus fallen enttäuschend aus.

Iring Fetscher: „Wenn eine herrschende Gruppe oder herrschende Klasse an die eigene Unfehlbarkeit glaubt, dann ist die Freiheit oder die Toleranz natürlich vollkommen vorbei. Das hat man sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR deutlich gemerkt. Trotzdem glaube ich immer noch und bin auch überzeugt, dass mir das viel geholfen hat, dass man einiges von Marx lernen kann, gleichzeitig aber erkennen muss, was die Marxisten, Leninisten und Stalinisten aus Marx gemacht haben, mit Marx sehr wenig zu tun hat.“

Iring Fetscher entwickelt sich zum gefragten Gesprächspartner der westlichen Linken: Schriftsteller wie Böll, Philosophen wie Bloch und Georg Lukács werden von ihm interviewt. Seit 1963 lehrt er in Frankfurt.

Iring Fetscher: „Also ich bin unter anderem deshalb nach Frankfurt gekommen, weil Max Horkheimer dafür gesorgt hat, dass ich hier berufen wurde, und ich mochte Max Horkheimer sehr gerne, und habe Adorno auch schon sehr früh gelesen, also lange bevor ich nach Frankfurt kam.“

Fetscher bleibt der Frankfurter Schule eng verbunden. Sein Werk „Von Marx zur Sowjetideologie“ wird zum Klassiker.

Im Jahr 2003 holt ihn noch einmal seine soldatische Vergangenheit ein: Er nimmt Kontakt mit dem kleinen ukrainischen Dorf Saproschnoje auf. Im Krieg war er dort Ortskommandant. 21 Jahre war er damals alt, fast noch ein Kind. Er hatte dafür gesorgt, dass die hungernde Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt wurde. Das hatten die Dorfbewohner nicht vergessen und sich noch einmal etwas von ihm gewünscht. Und siehe da, der deutsche Professor konnte helfen. Ein Krankenwagen für Saproschnoje. Ein kleines Wunder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – in Zeiten der Globalisierung.

Iring Fetscher: „Die positive Seite der Globalisierung, die man häufig vergisst, ist ja, dass die Welt auch ideologisch und informativ eine Einheit geworden ist. Wenn man von Deutschland wegblickt auf die Welt, weltweit, wird es so was wie eine Lösung in Richtung auf eine Korrektur des reinen, liberalen, des reinen Marktwirtschaftssystems schon geben müssen. Wobei man immer wieder vergisst, darauf hinzuweisen dass die Marktwirtschaft zum Teil sich selber zerstört, indem sie derartige Konzentrationen schafft, dass auf vielen Sektoren es nur noch ein, zwei große Betriebe gibt.“

Das ist vielleicht Iring Fetschers größte Stärke: sein Optimismus, der auch noch in schwierigen Lagen erhalten bleibt. Ein Optimismus auch, der sich mit radikalem kritischen Denken verbindet. Bei allem Engagement: ein Sinn für Ironie und fantastisches Denken ist ihm immer geblieben.


Bericht: Burghard Schlicht

 

 

Bücher (Auswahl)

Karl Marx und der Marxismus, München: Piper & Co, 1967

Rousseaus politische Philosophie. Frankfurt: Suhrkamp, 1975

Der Marxismus. München/Zürich 1983

Von Marx zur Sowjetideologie. Frankfurt 1986

Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen. Hamburg 1995

"Das Kommunistische Manifest und die Frühschriften von Karl Marx." In: Emanzipation als Versöhnung. Frankfurt 2002

Sammelleidenschaft und spielerische Neugier. Eine weltoffene Familie. Einführender Essay. In: Familie Marx privat. Die Foto- und Fragebogen-Alben von Marx' Töchtern Laura und Jenny. Berlin 2005

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