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Erde und Mensch im Jahrhundert des Klimawandels - eine Beziehung ohne Chance auf Zukunft?

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When 2009-06-01
from 10:30 to 12:00
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last modified 2010-03-05 09:19

Vortrag von Univ.-Prof. Mag. Dr. Gottfried Kirchengast dem Leiter des Wegener Zentrums für Klima und Globalen Wandel und Institut für Physik an der Universität Graz. Eine Aufnahme der Montagsakademie vom 18.Mai.2009

Kurzzusammenfassung Vortrag:

Ist 1 + 1 Zwei? Wenn wir die Axiome, d.h. die als fundamental wahr vorausgesetzten Regeln, der Natürlichen Zahlen akzeptieren, ist die Antwort einfach: Ja, selbstverständlich. Wenn nicht, zerbricht die Mathematik. Haben Erde + Mensch Zukunft? Mein Vortrag geht davon aus, dass wir Menschen mit großer Mehrheit folgende persönliche Werthaltung akzeptieren, das Chancen-Axiom: Ich habe die Erde und die Menschen gern und arbeite für eine gemeinsame gute Zukunft in diesem Jahrhundert und danach. Wenn nicht, zerbricht die Beziehung. Wenn ja, ist die Antwort trotzdem nicht einfach, aber die Beziehung hat Chancen und dieser Vortrag, zusätzlich zur spannenden wissenschaftlichen Information, Sinn.

Die Beziehung von Erde („Natur“) und Mensch steht jetzt im 21. Jahrhundert neben vielerlei regionalen und zeitlich begrenzten Gefährdungen (Naturkatastrophen und menschgemachte Katastrophen), die hier nicht Thema sind, vor drei wirklich existenziellen globalen und langfristigen Bedrohungen: eine schon seit es uns Menschen gibt: „der Komet kommt“ (Natur => Mensch), eine zweite erst seit 1945: „der Atomkrieg kommt“ (Mensch => Mensch/Natur) und eine dritte gar erst seit etwa 1980: „der Klimawandel kommt“ (Mensch => Natur/Mensch). Der Vergleich dieser drei sehr unterschiedlichen globalen Risiken zeigt, dass das dritte mittlerweile bei weitem das Ernsteste ist, relativ dazu was wir zur Bewältigung schon getan haben, und überdies unsere Erde-Mensch-Beziehung vollkommen neu definiert: erstmals in der Erdgeschichte liegt das zukünftige langfristige Schicksal der Erde in unserer Hand und nicht umgekehrt. Wir haben plötzlich „die Hosen an“ – wie mit dieser Macht behutsam umgehen? Der Fokus des Vortrags ist daher wie im Titel impliziert der globale Klimawandel. Und wie aus dem Chancen-Axiom Zukunft abgeleitet werden könnte.

Wohin wandelt sich das Klima im 21. Jahrhundert? Was haben wir seit dem Weltklimabericht 2007 bis Mai 2009 weiter dazugelernt und welche Sicherheit haben mittlerweile unser wissenschaftliches Wissen und unsere Zukunftsszenarien? Was ist der Worst Case und können wir andererseits vielleicht noch auf ein Wunder hoffen, auf irgendetwas bisher Übersehenes? Ich werde einen Einblick in den hoch spannenden aktuellen Wissensstand geben und dazu, wie unsere Zukunft von der weiteren Entwicklung unserer Treibhausgas-Emissionen abhängt. 2008 habe ich den globalen Klimawandel erstmals auch „aus eigener Hände Arbeit“ direkt gesehen (Satelliten-Klimamonitoring); ein ebenso privilegiertes wie beunruhigendes Schlüsselerlebnis. Und eine Verantwortung, nach bestem Wissen und Gewissen Klartext zu reden, was zur Rettung der Erde-Mensch-Beziehung notwendig ist.

Welche Rolle spielen wir Menschen als Hauptverursacher, als Betroffene und vor allem auch als aktive künftige Mitgestalter – verstärkend oder bremsend – des weiteren Klimawandels? Welche Notwendigkeiten zur Anpassung an den Klimawandel haben wir und vor allem auch welche Möglichkeiten zum Klimaschutz? Was ist notwendig, um den Klimawandel auf das Maß von etwa 2°C globaler Erwärmung zu begrenzen, das wir für eine zukunftsfähige weitere Erde-Mensch-Beziehung tunlichst einhalten sollten? Ein Maß, das wir schon seit fast 20 Jahren kennen; warum hat dann das Chancen-Axiom bisher nicht gefruchtet, obwohl es fundamental wahr ist? Ich werde zeigen, dass alle bisherigen guten Ansätze zu Klimaschutz und Klimaanpassung in die richtige Richtung gehen, aber auch warum es zwingend nur bei Ansätzen geblieben ist; zum Beispiel in Österreich und der Steiermark. Ich werde zeigen, dass wir alle wissenschaftlichen und technologischen Herausforderungen gut meistern können. Ich werde aber auch zeigen, dass all unser unternehmerisch-wirtschaftliches und persönliches Handeln zwingend ohne Chancen ist, im notwendigen Ausmaß klimagerecht zu werden, solange eine klare für uns alle geltende gesetzliche und ordnungspolitische Auflösung des Dilemmas zwischen Gemeinwohlinteresse und Einzelinteressen (und Trägheit) aussteht.

Das Chancen-Axiom wird fruchtbar, wenn es uns gelingt auf allen politischen Ebenen – Gemeinden, Länder, Bund, EU, UN-Ebene – für klare gesetzliche Rahmenbedingungen, gemeinsame gute Spielregeln, klimagerechter Entwicklung zu sorgen. Es zeigt sich, dass dann, und nur dann, aus einer kleinen „Öko-Avantgarde“ ein Massentrend in die richtige Richtung entsteht und auch Emissionstrends umgekehrt werden können. Es gibt Lichtstreifen am Horizont, auf allen diesen Ebenen, in der Steiermark zum Beispiel durch die Initiative Klimaschutzplan auf die ich große Hoffnungen setze; auch die Wirtschaftskrise eröffnet große Chancen. Die Herausforderung ist enorm und unser Handlungsmut, gemessen an der realen Brisanz des globalen Problems, war bisher noch viel zu gering. Aber da es um nicht weniger als die Rettung der Erde-Mensch-Beziehung geht, wie wir sie kennen, gehen wir es nun am besten umso beherzter an: im Wissen, dass wir es, wenn wir es wollen, schaffen können.

Haben Erde + Mensch Zukunft? Die Chance lebt!

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