Erde und Mensch im Jahrhundert des Klimawandels - eine Beziehung ohne Chance auf Zukunft?
| What | Radio Show |
|---|---|
| When |
2009-06-01 from 10:30 to 12:00 |
| Add event to calendar |
|
Vortrag von Univ.-Prof. Mag. Dr. Gottfried Kirchengast dem Leiter des Wegener Zentrums für Klima und Globalen Wandel und Institut für Physik an der Universität Graz. Eine Aufnahme der Montagsakademie vom 18.Mai.2009
Kurzzusammenfassung Vortrag:
Ist
1 + 1 Zwei? Wenn wir die Axiome, d.h. die als fundamental wahr
vorausgesetzten Regeln, der Natürlichen Zahlen akzeptieren, ist die
Antwort einfach: Ja, selbstverständlich. Wenn nicht, zerbricht die
Mathematik. Haben Erde + Mensch Zukunft? Mein Vortrag geht davon aus,
dass wir Menschen mit großer Mehrheit folgende persönliche Werthaltung
akzeptieren, das Chancen-Axiom: Ich habe die Erde und die Menschen gern
und arbeite für eine gemeinsame gute Zukunft in diesem Jahrhundert und
danach. Wenn nicht, zerbricht die Beziehung. Wenn ja, ist die Antwort
trotzdem nicht einfach, aber die Beziehung hat Chancen und dieser
Vortrag, zusätzlich zur spannenden wissenschaftlichen Information, Sinn.
Die
Beziehung von Erde („Natur“) und Mensch steht jetzt im 21. Jahrhundert
neben vielerlei regionalen und zeitlich begrenzten Gefährdungen
(Naturkatastrophen und menschgemachte Katastrophen), die hier nicht
Thema sind, vor drei wirklich existenziellen globalen und langfristigen
Bedrohungen: eine schon seit es uns Menschen gibt: „der Komet kommt“
(Natur => Mensch), eine zweite erst seit 1945: „der Atomkrieg kommt“
(Mensch => Mensch/Natur) und eine dritte gar erst seit etwa 1980:
„der Klimawandel kommt“ (Mensch => Natur/Mensch). Der Vergleich
dieser drei sehr unterschiedlichen globalen Risiken zeigt, dass das
dritte mittlerweile bei weitem das Ernsteste ist, relativ dazu was wir
zur Bewältigung schon getan haben, und überdies unsere
Erde-Mensch-Beziehung vollkommen neu definiert: erstmals in der
Erdgeschichte liegt das zukünftige langfristige Schicksal der Erde in
unserer Hand und nicht umgekehrt. Wir haben plötzlich „die Hosen an“ –
wie mit dieser Macht behutsam umgehen? Der Fokus des Vortrags ist daher
wie im Titel impliziert der globale Klimawandel. Und wie aus dem
Chancen-Axiom Zukunft abgeleitet werden könnte.
Wohin wandelt
sich das Klima im 21. Jahrhundert? Was haben wir seit dem
Weltklimabericht 2007 bis Mai 2009 weiter dazugelernt und welche
Sicherheit haben mittlerweile unser wissenschaftliches Wissen und
unsere Zukunftsszenarien? Was ist der Worst Case und können wir
andererseits vielleicht noch auf ein Wunder hoffen, auf irgendetwas
bisher Übersehenes? Ich werde einen Einblick in den hoch spannenden
aktuellen Wissensstand geben und dazu, wie unsere Zukunft von der
weiteren Entwicklung unserer Treibhausgas-Emissionen abhängt. 2008 habe
ich den globalen Klimawandel erstmals auch „aus eigener Hände Arbeit“
direkt gesehen (Satelliten-Klimamonitoring); ein ebenso privilegiertes
wie beunruhigendes Schlüsselerlebnis. Und eine Verantwortung, nach
bestem Wissen und Gewissen Klartext zu reden, was zur Rettung der
Erde-Mensch-Beziehung notwendig ist.
Welche Rolle spielen wir
Menschen als Hauptverursacher, als Betroffene und vor allem auch als
aktive künftige Mitgestalter – verstärkend oder bremsend – des weiteren
Klimawandels? Welche Notwendigkeiten zur Anpassung an den Klimawandel
haben wir und vor allem auch welche Möglichkeiten zum Klimaschutz? Was
ist notwendig, um den Klimawandel auf das Maß von etwa 2°C globaler
Erwärmung zu begrenzen, das wir für eine zukunftsfähige weitere
Erde-Mensch-Beziehung tunlichst einhalten sollten? Ein Maß, das wir
schon seit fast 20 Jahren kennen; warum hat dann das Chancen-Axiom
bisher nicht gefruchtet, obwohl es fundamental wahr ist? Ich werde
zeigen, dass alle bisherigen guten Ansätze zu Klimaschutz und
Klimaanpassung in die richtige Richtung gehen, aber auch warum es
zwingend nur bei Ansätzen geblieben ist; zum Beispiel in Österreich und
der Steiermark. Ich werde zeigen, dass wir alle wissenschaftlichen und
technologischen Herausforderungen gut meistern können. Ich werde aber
auch zeigen, dass all unser unternehmerisch-wirtschaftliches und
persönliches Handeln zwingend ohne Chancen ist, im notwendigen Ausmaß
klimagerecht zu werden, solange eine klare für uns alle geltende
gesetzliche und ordnungspolitische Auflösung des Dilemmas zwischen
Gemeinwohlinteresse und Einzelinteressen (und Trägheit) aussteht.
Das
Chancen-Axiom wird fruchtbar, wenn es uns gelingt auf allen politischen
Ebenen – Gemeinden, Länder, Bund, EU, UN-Ebene – für klare gesetzliche
Rahmenbedingungen, gemeinsame gute Spielregeln, klimagerechter
Entwicklung zu sorgen. Es zeigt sich, dass dann, und nur dann, aus
einer kleinen „Öko-Avantgarde“ ein Massentrend in die richtige Richtung
entsteht und auch Emissionstrends umgekehrt werden können. Es gibt
Lichtstreifen am Horizont, auf allen diesen Ebenen, in der Steiermark
zum Beispiel durch die Initiative Klimaschutzplan auf die ich große
Hoffnungen setze; auch die Wirtschaftskrise eröffnet große Chancen. Die
Herausforderung ist enorm und unser Handlungsmut, gemessen an der
realen Brisanz des globalen Problems, war bisher noch viel zu gering.
Aber da es um nicht weniger als die Rettung der Erde-Mensch-Beziehung
geht, wie wir sie kennen, gehen wir es nun am besten umso beherzter an:
im Wissen, dass wir es, wenn wir es wollen, schaffen können.
Haben Erde + Mensch Zukunft? Die Chance lebt!