Dr.Dieter Binder - Österreich im "kurzen" 20.Jahrhundert - Zwischen Selbstaufgabe und satter Heilsgewissheit
| What | Radio Show |
|---|---|
| When |
2006-06-02 from 10:30 to 12:00 |
| Add event to calendar |
|
Vortrag im Rahmen der Montagsakademie am 21.11.05 - zur Person: Univ.Prof. Dr. Dieter A. Binder, 1953, Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz und Kultúrantropológia professzúra der Andrássy Gyula Universität Budapest. [Dr.phil. 1976, Graz/Habil. Neuere Österreichische Geschichte und Zeitgeschichte 1983, Graz]. Aktuell: Forschungsprojekt "Refugee Scholars". Das Netzwerk von nationalen, multinationalen und internationalen Hilfsorganisationen zur "Rettung der Wissenschaften" und die Auswanderung von österreichischen Universitätsangehörigen und anderen Wissenschaftlern nach Großbritannien. 1933-1941. Siehe Link
Inhaltsangabe zum Vortrag:
Eine Periodisierung Österreichs im kurzen 20.
Jahrhundert, also im Zeitraum zwischen 1918/19 und 1999/2000 stößt,
zieht man die gängige wissenschaftliche Literatur der Historiker
und Politikwissenschafter heran auf ein bemerkenswertes Phänomen:
Auf die Dramatik der ausschließlich als Katastrophe interpretierten
„Ersten Republik“, die zumeist für die gesamte Zwischenkriegszeit
angesprochen wird, folgt der „Weg vom Dunkel ins Licht“,
also die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik, die ihren Glanz vom
Staatsvertrag, dem sozialen Frieden und dem „Wirtschaftswunder“
erhellt. Das gesamte Ambiente wird um die Achse des „Zweiten Weltkrieges“
gedreht, der vielfach wie eben besonders auch der Nationalsozialismus
als fremde, von außen ins Land getragene, dunkle Macht interpretiert
wird, der zuweilen nahe zu an die „deutsche Reichsgeschichte“
abgetreten wurde. Die „Moskauer Deklaration“, unvollständig
rezipiert, erleichterte die Legende von der „Stunde Null“
1945 und dem Österreich als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“.
Der Alliierten gedachte man dort, wo sie als „Befreier von den
Befreiern“ gesehen wurden, was etwa auf die Briten in der Steiermark
besonders zutraf, deren Anwesenheit brachte man aber grundsätzlich
Unverständnis entgegen, da man deren gravierende Leistung, die
Niederringung der nationalsozialistischen Herrschaft, augenblicklich
historisierte und sie als Besatzungsmächte ohne wirklichen Grund
interpretierte.
Die Infragestellung des eigenen Staates 1918/19, die alle politische
Lager umfassende Anschlussbereitschaft der 1920er Jahre und teilweise
darüber hinaus wurde 1945 nicht nur auf politischer Ebene zurückgewiesen.
Teilweise auf den Baustücken der österreichnationalen Erziehung
des „Ständestaates“ 1934 bis 1938 und des 1937 im Zuge
der Volksfrontstrategie der Kommunisten entwickelten Österreichkonzeptes
setzte 1945 jene Österreichdebatte ein, die innerhalb des antinationalsozialistischen
Widerstandes ein schmales elitäres Segment vorbereitet hatte. Staatsvertrag,
Neutralität im Umfeld des „Kalten Kriegs“, soziale
Stabilität im Rahmen der Sozialpartnerschaft und ein atemberaubender
Wirtschaftsaufschwung in der 1950er und 1960er Jahren trieben eine österreichische
Identitätsfindung voran, die nach fünfzig Jahren sich der
obrigkeitsstaatlichen Maßnahmen längst entwunden hatte und,
ohne glücklicherweise je wirklich auf die Probe gestellt zu werden,
wesentlicher Bestandteil der österreichischen Mentalität geworden
ist.
Das von der Bundesregierung postulierte und von den regionalen Behörden
vielfach bereitwillig aufgenommene „Gedankenjahr“ 2005,
mit einer nahezu unglaublichen Korrespondenz zu tatsächlichen oder
rasch konzipierten „5er-Jahren“, hat neben seinen heitertriumphalistischen
Konzepten, die auf der eingangs formulierten Folie der Zwischenkriegszeit
basieren, gelegentlich auch dem nachdenklichen Blick das Tor geöffnet:
Wenn etwa in der Grazer Synagoge fünf Jahre nach ihrer Wiedererrichtung
die Gedenktafel für jene jüdischen Grazer und Steirer enthüllt
wurde, deren namentliche Nennung dem Versuch der Nazis entgegensteht,
das jüdische Mitteleuropa, das jüdische Europa auszulöschen.
Allerdings verweist die Kritik, die das Erinnern an den genuin österreichischen
Nationalsozialismus und dessen Nachwirken im Kontext der Erfolgsgeschichte
der Zweiten Republik als „Vergewaltigung der Geschichte“
anprangert, auch darauf, dass die österreichischen Gedächtnisorte,
so scheint es, immer noch parteipolitisch besetzt sind.