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Dr.Dieter Binder - Österreich im "kurzen" 20.Jahrhundert - Zwischen Selbstaufgabe und satter Heilsgewissheit

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Vortrag im Rahmen der Montagsakademie am 21.11.05 - zur Person: Univ.Prof. Dr. Dieter A. Binder, 1953, Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz und Kultúrantropológia professzúra der Andrássy Gyula Universität Budapest. [Dr.phil. 1976, Graz/Habil. Neuere Österreichische Geschichte und Zeitgeschichte 1983, Graz]. Aktuell: Forschungsprojekt "Refugee Scholars". Das Netzwerk von nationalen, multinationalen und internationalen Hilfsorganisationen zur "Rettung der Wissenschaften" und die Auswanderung von österreichischen Universitätsangehörigen und anderen Wissenschaftlern nach Großbritannien. 1933-1941. Siehe Link


Inhaltsangabe zum Vortrag:

Eine Periodisierung Österreichs im kurzen 20. Jahrhundert, also im Zeitraum zwischen 1918/19 und 1999/2000 stößt, zieht man die gängige wissenschaftliche Literatur der Historiker und Politikwissenschafter heran auf ein bemerkenswertes Phänomen: Auf die Dramatik der ausschließlich als Katastrophe interpretierten „Ersten Republik“, die zumeist für die gesamte Zwischenkriegszeit angesprochen wird, folgt der „Weg vom Dunkel ins Licht“, also die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik, die ihren Glanz vom Staatsvertrag, dem sozialen Frieden und dem „Wirtschaftswunder“ erhellt. Das gesamte Ambiente wird um die Achse des „Zweiten Weltkrieges“ gedreht, der vielfach wie eben besonders auch der Nationalsozialismus als fremde, von außen ins Land getragene, dunkle Macht interpretiert wird, der zuweilen nahe zu an die „deutsche Reichsgeschichte“ abgetreten wurde. Die „Moskauer Deklaration“, unvollständig rezipiert, erleichterte die Legende von der „Stunde Null“ 1945 und dem Österreich als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“. Der Alliierten gedachte man dort, wo sie als „Befreier von den Befreiern“ gesehen wurden, was etwa auf die Briten in der Steiermark besonders zutraf, deren Anwesenheit brachte man aber grundsätzlich Unverständnis entgegen, da man deren gravierende Leistung, die Niederringung der nationalsozialistischen Herrschaft, augenblicklich historisierte und sie als Besatzungsmächte ohne wirklichen Grund interpretierte.

Die Infragestellung des eigenen Staates 1918/19, die alle politische Lager umfassende Anschlussbereitschaft der 1920er Jahre und teilweise darüber hinaus wurde 1945 nicht nur auf politischer Ebene zurückgewiesen. Teilweise auf den Baustücken der österreichnationalen Erziehung des „Ständestaates“ 1934 bis 1938 und des 1937 im Zuge der Volksfrontstrategie der Kommunisten entwickelten Österreichkonzeptes setzte 1945 jene Österreichdebatte ein, die innerhalb des antinationalsozialistischen Widerstandes ein schmales elitäres Segment vorbereitet hatte. Staatsvertrag, Neutralität im Umfeld des „Kalten Kriegs“, soziale Stabilität im Rahmen der Sozialpartnerschaft und ein atemberaubender Wirtschaftsaufschwung in der 1950er und 1960er Jahren trieben eine österreichische Identitätsfindung voran, die nach fünfzig Jahren sich der obrigkeitsstaatlichen Maßnahmen längst entwunden hatte und, ohne glücklicherweise je wirklich auf die Probe gestellt zu werden, wesentlicher Bestandteil der österreichischen Mentalität geworden ist.

Das von der Bundesregierung postulierte und von den regionalen Behörden vielfach bereitwillig aufgenommene „Gedankenjahr“ 2005, mit einer nahezu unglaublichen Korrespondenz zu tatsächlichen oder rasch konzipierten „5er-Jahren“, hat neben seinen heitertriumphalistischen Konzepten, die auf der eingangs formulierten Folie der Zwischenkriegszeit basieren, gelegentlich auch dem nachdenklichen Blick das Tor geöffnet: Wenn etwa in der Grazer Synagoge fünf Jahre nach ihrer Wiedererrichtung die Gedenktafel für jene jüdischen Grazer und Steirer enthüllt wurde, deren namentliche Nennung dem Versuch der Nazis entgegensteht, das jüdische Mitteleuropa, das jüdische Europa auszulöschen. Allerdings verweist die Kritik, die das Erinnern an den genuin österreichischen Nationalsozialismus und dessen Nachwirken im Kontext der Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik als „Vergewaltigung der Geschichte“ anprangert, auch darauf, dass die österreichischen Gedächtnisorte, so scheint es, immer noch parteipolitisch besetzt sind.


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